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„Timetable“ von Wilkhahn
Die Platte des „Timetable“ lässt sich mit nur einem Griff nach oben schwenken.

Bewegungsraum Büro

Büroarbeit erfordert vor allem Sitzfleisch. Der Preis dafür ist, dass andauerndes Stillsitzen alle körperlichen Regelsysteme vernachlässigt. Mehr Bewegung ist deshalb das Gebot für gesunde Büroarbeitswelten meint Burkhard Remmers von Wilkhahn.

Dreidimensionale Sitzkonzepte steigern nachweislich Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit: Bürostuhl „ON“.
Dreidimensionale Sitzkonzepte steigern nachweislich Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit: Bürostuhl „ON“.

Hatten früher die Herrscher ihre Mobilität den Göttern geopfert, um dem Volk ein Leben in freier Bewegung zu ermöglichen, so gibt der sitzend fixierte Büroarbeiter heute seine natürliche Beweglichkeit den Fortschritten der Digitalisierung preis. Die Folge: „Bürokrankheiten“ nehmen dramatisch zu, angesichts des demografischen Wandels und Fachkräftemangels eine fatale Entwicklung. Es scheint paradox: Da wird seit 150 Jahren Ergonomie betrieben, um die körperlichen Belastungen immer weiter zu reduzieren. Alles wird in Griffnähe angeordnet, der Körper wird von korsettähnlichen Bürostühlen gestützt und der Arbeitsplatz ist bequem auf einen Bildschirm verdichtet. Statt Akten wälzen, Ordner schleppen und Botengängen ist nur noch die Bewegung der Finger zur Bedienung von Tastatur und Maus gefordert, um die Büroarbeit zu bewältigen. Und das Ergebnis? Die Menschen im Büro werden immer kränker! Die Bertelsmannstiftung errechnete 75 Milliarden Euro Verlust für die deutsche Volkswirtschaft durch krankheitsbedingte Fehltage und Fehlleistungen. Und laut Betriebskrankenversicherungen verursachen alleine Rückenschmerzen über vier Krankheitstage pro Jahr und Versichertem, was wiederum bei den Unternehmen mit Zusatzkosten von gut tausend Euro je Mitarbeiter zu Buche schlägt. Muskel- und Skeletterkrankungen haben seit 2006 um 28 Prozent zugenommen, obwohl der Anteil schwerer, körperlicher Arbeit zugunsten von mehr Büroarbeit immer stärker zurückgeht.

Demografischer Wandel, alternde Belegschaften und Fachkräftemangel rufen inzwischen die Unternehmen selbst und die Politik auf den Plan. Die Kernfragestellung: Wie müssen Arbeitsplätze und -abläufe gestaltet sein, damit Mitarbeiter langfristig motiviert, gesund und leistungsfähig bleiben? Im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF) wurde deshalb im Januar 2013 ein umfangreiches Förderprogramm aufgelegt. Als zentrale Themenfelder für „zukunftsfähige Unternehmensentwicklung“ gerade im Mittelstand wurden definiert: 1. Personalführung, 2. Chancengleichheit und Diversity, 3. Gesundheit und 4. Wissen und Kompetenz. Das hier vorgestellte Konzept, Bürowelten als Bewegungsräume zu begreifen, verbindet die Themenfelder Gesundheit und gleichzeitig Wissensmanagement und Wissenstransfer in den Unternehmen, weil mit der Bewegung auch die Begegnung gefördert wird.

Unterforderung durch Bewegungsmangel

Professor Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln, erläutert, warum die körperliche Entlastung im Büro zum Bumerang geworden ist: „Ein lebendiger Organismus basiert auf dem Prinzip von Reiz und Reaktion: ohne Durst kein Trinken, ohne Hunger kein Essen, ohne Stimulanz keine Fortpflanzung. Alle biologischen Kompetenzen benötigen Reizsetzungen, um aktiviert zu werden. Ohne solche Herausforderungen verkümmern die Fähigkeiten, über die wir verfügen.“ Die Muskulatur bilde sich zurück und der gesamte Skelett- und Gelenkapparat werde destabilisiert. Bei über 80 Prozent der Rückenpatienten sei inzwischen Unterforderung die Haupt-ursache der Beschwerden. Mehr noch: US-amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Bewegungsmangel für bis zu zehn Prozent der weltweiten Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Brust- und Darmkrebs verantwortlich ist.

Dass die aufrechte Sitzhaltung „richtig“ und gesund sei, entstammt dem 19. Jahrhundert. Schüler und Büroangestellte hatten „stramm“ zu sitzen, um Respekt zu signalisieren und Disziplin und Kontrolle zu erleichtern. Biologisch betrachtet ist aber jede Sitzhaltung, die der Körper schmerzfrei einnehmen kann, richtig und wichtig, um die Gelenkfunktionen und die Vielfalt der Muskulatur zu stimulieren. Nicht die Haltung, sondern der Haltungswechsel ist deshalb der Schlüssel für das Wohlbefinden. Auch die Behauptung, dass sich nur konzentrieren kann, wer sich nicht bewegt, ist längst widerlegt: Langes Stillsitzen schaltet den Organismus auf Sparflamme. Der reduzierte Stoffwechsel schwächt neben der Muskulatur auch die mentale Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit.

Die Platte des „Timetable“ lässt sich mit nur einem Griff nach oben schwenken, wobei sich gleichzeitig die Fußausleger mit den feststellbaren Rollen vollautomatisch eindrehen.
Die Platte des „Timetable“ lässt sich mit nur einem Griff nach oben schwenken, wobei sich gleichzeitig die Fußausleger mit den feststellbaren Rollen vollautomatisch eindrehen.

Gerade bei der Arbeit am Schreibtisch ist aber die körperliche Aktivität oft auf Fingerbewegungen zur Bedienung von Tastatur und Maus reduziert. Hier setzen neuartige Sitzkonzepte an, die besonders vielfältige Bewegungen fördern. Das Zentrum für Gesundheit hat die Auswirkungen auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit jetzt genau untersucht. Mit 80 Probanden im Bürokomplex einer Versicherung wurde dazu eine vergleichende Feldstudie durchgeführt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Gruppe auf den dreidimensional beweglichen Bürostühlen hatte sich bereits nach drei Monaten in allen Konzentrationsparametern (Geschwindigkeit, Genauigkeit und Homogenität) deutlich gesteigert. Den objektiven Ergebnissen entsprach das subjektive Empfinden: 58 Prozent gaben an, dass sich ihr Wohlbefinden verbessert habe. Die Kontrollgruppe dagegen verblieb auf dem Niveau der Erstmessung. Dreidimensionales Bewegungssitzen wird demnach auch wirklich genutzt, es tut gut – und es kann sich schon nach kurzer Zeit rechnen!

Die Bürowelt zum Bewegungsraum machen!

Mehr Bewegung in die Büroarbeit zu integrieren, erschöpft sich aber nicht in der Gestaltung des Arbeitsplatzes. Auch organisatorisch lässt sich der Körper mobilisieren: Nicht der kürzeste, sondern der längste Weg ist der Beste, „Stehungen“ statt Sitzungen steigern die Effizienz und Treppensteigen statt Aufzugfahren ersetzt ein zusätzliches Fitnessprogramm. Neue Bürokonzepte stellen nicht mehr den festen Arbeitsplatz sondern den Umgebungswechsel in den Mittelpunkt: Denkerzelle, Meetingraum, Lounge, Café, Bibliothek, Projektbüro, Pausenzonen … Entzerrung statt Verdichtung, Anreicherung statt Reduktion, Stimulation statt Restriktion, Begegnung statt Trennung – das sind nur einige Aspekte, um die Büroarbeit in Bewegung zu bringen – und sich wohlzufühlen.

www.wilkhahn.de

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