Dr. Volker Teichert im Interview

Blauer Engel

Ausgabe Juni 4|2009

Der Blaue Engel stellt sich neu auf

Im vergangenen Jahr feierte das älteste Umweltzeichen für den Klimaschutz, der „Blaue Engel“, 30. Geburtstag. Auch für den Einkauf von Druckerpapier und zunehmend für Büro-Technik erweist sich das Gütesiegel als Entscheidungshilfe.

So sieht der neue „Klimaschutz”-Blaue Engel künftig aus.Der „Blaue Engel“ hat einen Bekanntheitsgrad von 80 Prozent in der Bevölkerung und genießt eine hohe Glaubwürdigkeit: Die Entscheidung fällt leicht, ein Produkt mit dem „Blauen Engel“ zu kaufen, vorausgesetzt Qualität und Preis stimmen. Sicher ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt, Kritiker werfen dem Logo Einseitigkeit und fehlende Neutralität vor.
In Zukunft will der „Blaue Engel“ noch besser informieren und den Verbraucher in seiner Kaufentscheidung unterstützen, indem er den aktiven Beitrag des Produktes zu speziellen Themen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes durch eine eindeutige Botschaft heraushebt.

Dazu sollen stärkere Schwerpunkte innerhalb des Produktportfolios gesetzt werden. Die mit dem „Blauen Engel“ gekennzeichneten Produkte und Dienstleistungen werden künftig in folgende themenbezogene Kategorien eingeteilt: Schutz des Klimas, Schutz der Gesundheit, Schutz des Wassers, Schutz der Ressourcen.
Wir sprachen mit Dr. Volker Teichert, seit 2006 Vorsitzender der Jury Umweltzeichen. Der Diplom-Volkswirt arbeitet seit 1996 bei der Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. (FEST), Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Beratung und Betreuung bei der Einführung von Umweltmanagementsystemen in kirchlichen Einrichtungen, Schulen, Verwaltungen und Großveranstaltungen.

Herr Dr. Teichert, bleiben die Vergabekriterien denn weiterhin ganzheitlich oder wird nur noch der spezielle Aspekt beleuchtet? Oder ist der neue Blaue Engel „strenger“ als der alte?

Nein, es ist ein Relaunch des Siegels, die Vergabestandards ändern sich nicht. Mittelfristig sollen weitere Top-100-Produkte mit den neuen Logos ausgestattet werden. Der Relaunch soll den Blauen Engel unterstützen, sich breiter aufzustellen. Ist das Zeichen im privaten und Heimwerkerbereich für Lacke und Farben sowie Toilettenpapier und Schulhefte bekannt, sieht es im Büro anders aus. Papier ist noch bekannt, wenn auch nach wie vor mit vielen Vorurteilen behaftet. Blauer Engel für Drucker, PCs, Kopierer und Beamer, davon wissen nicht so viele.

Produktschwerpunkt „Schutz des Klimas“: Welche Maßstäbe werden denn da an die Bürogeräte angelegt?

Es herrscht ein weitgehender Konsens darin, dass wir den „Energy Star“ als Grundlage verwenden. Hinzu kommen dann aber noch Kriterien wie der Geräuschpegel oder Emissionen.

Im Büro spielen neben Papier und Hygieneartikeln insbesondere Bürogeräte wie Computer, Drucker und Beamer sowie die entsprechenden Supplies (z.B. Toner) eine wichtige Rolle. Wie gelangt ein Produkt denn in die Prüfung, wer schlägt vor?

Die Unternehmen kommen meist mit ihren Entwicklungen auf uns zu. Daneben wird aber auch direkt auf sie zugegangen. Vielfach sind es mittelständisch orientierte Unternehmen, die den Blauen Engel für ein Produkt beantragen, sie wollen sich damit vom Wettbewerb abheben.

Nutzen die Hersteller das „Blauer Engel“-Zeichen aus, um höhere Preise für ihre Produkte zu erzielen?

Der Ökonom und Vorsitzende der Jury Umweltzeichen, Dr. Volker Teichert, hält auch seine Kinder dazu an, Schulhefte aus Recyclingpapier zu benutzen. Meist sind die Produkte durch die vielen Anforderungen in der Herstellung teurer und werden in geringer Stückzahl produziert. Das lässt den Preis steigen.

Manche Hersteller/Verbraucher werfen den verschiedenen Öko-Labels/Gütesiegeln, so auch dem Blauen Engel, fehlende Objektivität, Lobbyismus, mangelnde Kompetenz und wirtschaftliche Interessen vor. Was antworten Sie den Kritikern?

Neutraler geht nicht: Das Jury-Umweltzeichen ist ein unabhängiges Gremium mit Vertretern aus Umwelt- und Verbraucherverbänden, Gewerkschaften, Industrie, Handel, Handwerk, Kommunen, Wissenschaft, Medien, Kirchen und Bundesländern. Hinzu kommen das BMU und das Umweltbundesamt.

Auch die Kirchen setzen mit der neuen Procurement-Plattform „Zukunft Einkaufen“ auf nachhaltiges Wirtschaften. Welche Rolle werden Produkte mit  dem Blauen Engel Ihrer Ansicht nach dort einnehmen?

Meine Wunschvorstellung geht dahin, dass der Blaue Engel das wichtigste Kriterium für die Kaufentscheidungen sein wird. Aber natürlich ist auch im kirchlichen Bereich der ökonomische Aspekt der entscheidende. Es wird ein langer Prozess sein, den Gedanken in die Gemeinden zu tragen. Viel Potenzial sehe ich bei Kindergärten, Pfarrhäusern, kirchlichen Verwaltungen oder Veranstaltungen wie den Kirchentagen. Die katholischen und evangelischen Kirchen haben jährlich ein Beschaffungsvolumen von geschätzt 70 Milliarden Euro – vom Baubereich bis zum Klopapier. Eine nicht zu unterschätzende Größe.   

www.blauer-engel.de

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